Wie kommt ein Team von Interplast-Bad Kreuznach ausgerechnet nach Somalia?

„Somalia? Sind da nicht die Piraten? Fahrt da nicht hin, das ist gefährlich!“  Wir kamen aber ins Nachdenken: saß doch wenige Wochen vorher in unserem Wohnzimmer Ali Mohammed, 59 Jahre alt, in Somalia aufgewachsen und als junger Mann vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen. Damals durfte er hier direkt eine Lehre beginnen und brachte es mit seinem Fleiß und seiner Einsatzbereitschaft zu geringem Wohlstand und einer kleinen Familie.

Ali Mohammed hatte seine Heimat niemals vergessen und sobald es die dortigen politischen Verhältnisse erlaubten, begann er die leidende Bevölkerung Somalias zu unterstützen. Zuerst ein paar Koffer mit notwendigsten Medikamenten. Dann sammelte er Geld um zwei Schulgebäude notdürftig wieder aufbauen zu lassen. 2019 erhielt er dann durch eine Großspende die Chance, ein kleines Krankenhaus zu errichten. Dabei wurde ihm bewusst, wieviel Leid rund um sein Krankenhaus auf Hilfe wartete. Vor allem kindliche Verbrennungsopfer hofften damals vergeblich auf Heilung.

Ein kleines, konflikterfahrenes Team von Interplast mit den Anästhesisten Herbert Bauer aus Pliezhausen nahe Stuttgart und Andreas Anke aus München sowie OP-Schwester Dorit Boecken aus Köln zusammen mit Ali Mohammed und André und Eva Borsche aus Bad Kreuznach reiste von 20.03 bis 02.04.2026 nach  Garowe, der Hauptstadt von Puntland, dem nördlichen Bundesland von Somalia. Bereits am Flughafen wurden wir persönlich vom Gesundheitsminister auf dem Rollfeld begrüßt. Es wurde uns gleich zugesichert, dass wir uns um unsere Sicherheit keine Sorge machen müssten. Der Bundesstaat Puntland liegt fast 1000km nördlich von der Zentralregierung in Mogadishu, wo auch heute noch mit Terroranschlägen und Stammesfehden zu rechnen ist.

Unser Krankenhaus, das „Somcare Hospital“,  steht genau zwischen zwei großen Flüchtlingslagern am Rande von Garowe mitten in der Wüste. Die Puntländische Regierung verspricht Bürgern sowie Migranten nicht viel. Keine Bildung, keine Krankenversorgung, kein Sozialsystem. Doch das für sie momentan Wichtigste wird gewährleistet: Sicherheit. Es gibt Militär, Straßensperren, Patrouillen und Polizeidienststellen. So können die Kinder, die sich in der Stadt durch Schuhputzen einen Tageslohn von wenigen Cents als Lebensunterhalt für ihre Familien verdienen, ihr Geld am Abend sicher nachhause tragen.

Welch‘ ein Sonnenstrahl der Hoffnung erreicht diese völlig verarmten Familien mit der Ankündigung unseres Kommens! Vom Feuer entstellte Kinder, Jugendliche, die ihren Arm nicht bewegen können, Frauen mit Fehlbildungen am Rücken, die sie die schweren Lasten des Alltags nur unter Schmerzen schleppen lassen. Alle werden uns vorgestellt. Ali und unsere afrikanischen Kollegen hören geduldig zu. Besonders die Nomaden berichten  bildreich und  in vielen Facetten die Krankengeschichte ihrer Angehörigen. Der Untersuchungsraum wimmelt von Menschen. Doch am Ende hat jeder seinen Operationstermin.

So konnten wir insgesamt 25 Patienten in 8 Tagen operativ helfen. Dabei handelte es sich teilweise um sehr aufwendige Rekonstruktionen mit Gewebelappenplastiken und Hauttransplantationen. Viele bekamen eine Gipsschiene, um die Heilung abzusichern. Glücklicherweise kam es zu keinen Komplikationen, dank auch der gewissenhaften Nachbetreuung.

Alle Faktoren, die zu einem erfolgreichen Einsatz gehören waren für uns in Garowe auf’s Beste gewährleistet. Ununterbrochen sorgte Herr Ali für hygienische Verhältnisse im Operationssaal und für Nachschub medizinischen Materials. Er hatte auch junge Pflegekräfte und Ärzte aus der Region für unsere Sache gewinnen können, die uns nach kurzer Einarbeitungszeit tatkräftig unterstützten. Sie alle haben nach unserer Heimreise die Patienten mit Visiten, Verbandswechseln, Entfernung von Schrauben und Drähten und krankengymnastischen Empfehlungen zuverlässig betreut.

Beschenkt mit neuen Freundschaften, der Gewissheit wirklich sinnvolle Hilfe geleistet zu haben und  noch erfüllt von  Hilfsbereitschaft, Wohlwollen und Gastfreundschaft nahmen wir Abschied von Puntland am „Horn von Afrika“.

Eva und André Borsche